Zeit lässt sich nicht auf den Punkt bringen

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Andrea Brandl M.A.

Maria Maier: Fotografie und Malerei

Maria Maier, die zu den herausragenden zeitgenössischen Künstlerpersönlichkeiten im süddeutschen Raum zählt, studierte an der Universität Regensburg Kunsterziehung und Kunstgeschichte. Sie lebt in Köfering und Regensburg. Die Künstlerin pflegt seit vielen Jahren eine rege Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland und ist in den letzten Jahren auch über die Grenzen Deutschlands hinweg bekannt geworden.

Wir selbst verwahren in der Kunsthalle Schweinfurt einen repräsentativen Querschnitt des künstlerischen Schaffens von Maria Maier. Eine mehrteilige Arbeit ist in der Dauerpräsentation „Diskurse“ im Dialog mit Rudolf Wachter, Heiko Herrmann oder Gerhard Fietz zu sehen.

Maria Maier hat es zur sich künstlerischen Aufgabe gemacht, die dialektische Beziehung von Raum und Zeit in metaphorischer Weise auf der Leinwand, in Zeichnungen, Druckgrafiken, in übermalten und collagierten Fotoarbeiten, Multiples und Künstlerbüchern darzustellen. Der Vielfalt der unterschiedlichsten Ausdrucksmittel sind in ihrem Oeuvre keine Grenzen gesetzt. Arbeitsstil und Bildinhalt ergänzen sich dabei zu einer ausdrucksstarken poetischen Formensprache, die das Gefüge von Zeit, Raum und dem darin verankerten Menschen beschreiben will.

Reisen in ferne Länder und Städte zum Studium ihrer Kultur dienen Maria Maier als Inspiration und bewirken eine inhaltliche sowie formale Auseinandersetzung mit dem Thema „Zeit“, das die Gegensätze von Nähe und Ferne, von Heimat und Fremde aufzuheben scheint. Man könnte sagen, die Erde dient ihr als Atelier. Es sind aber nicht nur die Kultur und die Landschaft ferner Länder, der Nahe Osten, Asien, Amerika oder Kuba, die Maria Maier nachhaltig beeinflussen, sondern auch die heimatliche Umgebung, in der sie lebt und arbeitet. Das ist Köfering bei Regensburg.

Aufgrund ihrer Ortsverbundenheit ist es meiner Ansicht nach nicht verwunderlich, wenn sie sich in ihrem Frühwerk von Kunstströmungen im süddeutschen Raum inspirieren ließ. Im dynamischen Gestus und im kräftigen Kolorit früherer Werke spürt man einen gewissen stilistischen Einfluss der 1948 in Paris gegründeten Gruppe COBRA sowie der in den 1960er Jahren auch politisch orientierten Gruppen SPUR, WIR und GEFLECHT.

Lassen Sie uns ein bisschen zurückschauen in die vergangenen Schaffensjahre der überaus fleißigen Künstlerin. Seit 1995 entstanden mehrere konzeptionelle Projekte, wie „Zeitquadrat Stadtbau“ (1996), „München: Zeitinsel-Olympia“ (1997), es folgten Aufträge für Kunst im öffentlichen Raum. Besonders beeindruckend äußert sich diese Spurensuche nach dem Phänomen „Raum-Zeit“ in der groß angelegten Installation „Stadtzeit-Zeitstadt“ in Regensburg mit einem Siebdruckzyklus von 76 Emailtafeln, auf denen sich die Künstlerin anhand der Grundrisse der Bauwerke mit dem Verhältnis von Stadt- und Zeitstruktur auseinandersetzt. Halten Sie doch einmal selbst bei einem Besuch in Regensburg Ausschau nach diesen bunten Tafeln, von denen sich neben Palais, Ämtergebäuden eine sogar am Dom befindet! Es ist eine Reise durch die Zeit. Die Künstlerin bezieht sich in diesen Arbeiten auf die Tatsache, dass jedes Bauwerk in seinem Grundriss - selbst wenn es längst an der Oberfläche nicht mehr sichtbar ist - noch nach Jahrhunderten archäologisch im Boden nachgewiesen werden kann.

Die konzeptionelle Arbeit nimmt im Laufe der Zeit auch zunehmend Einfluss auf die Malerei. Das metaphorische Thema des Werdens und Vergehens wird konsequent in Serien thematisiert, die sich in besonderem Maße zur Darstellung einer Entwicklung eignen. Dieses Verfahren - von Herbert Schneidler im Katalog von 1996 treffend als „Prinzip der Offenheit“ bezeichnet - ist aktueller denn je. Die Bandbreite der Formate ist dabei ausgesprochen variabel.

Mitte der 1990er Jahre können wir dann eine zunehmende Reduktion in Form und Farbe beobachten, die den Arbeiten eine atmosphärische Wirkung verleiht. Zugleich vermittelt dort die räumliche Unbestimmtheit den Eindruck des Unendlichen. Hierzu finden Sie schöne Beispiele in den älteren Katalogen z.B. „Poesie der Zeit“ oder „Zwischenzeit“.

Bereits in den frühen 1990er Jahren gewann das Prinzip Collage Einfluss: Schon damals verarbeitete die Künstlerin ein Stück gebrauchtes Papier oder alter Leinwand, in den folgenden Jahren aber auch die stillen Zeugen der Zivilisation, die sie auf den Reisen sammelte: Abfallprodukte wie ein halb abgerissenes Plakat einer riesigen Werbewand in der 5th Avenue in New York, das ausgediente Kassenbuch einer aufgelösten Tankstelle oder Tempelopferpapiere aus Asien.

Der collageartige Bildaufbau findet folgerichtig eine Fortsetzung in den Foto-Material-Collagen oder übermalter Fotografie. Die Kamera ersetzt - vor allem auf Reisen - ab circa 1995 teilweise auch das Skizzenbuch. Dabei versteht sie sich nicht als Fotografin im klassischen Sinn, sondern die Fotografie wird als autonomes Material eingesetzt oder als Gestaltungs- und Bildmaterial der Komposition in Form eines Dialogfeldes einverleibt.

Der Kulturjournalist Harald Raab, hat die Rolle der Fotografie in der zeitgenössischen Kunst wie folgt treffend umschrieben: „Die Rolle der Fotografie in der bildenden Kunst - mit ihrer evidenten Dynamik und ihren multiplen Wechselwirkungen - ist ungebrochen. Fotografie heute ist nicht nur eine anerkannte Kunstform. Sie ist Avantgarde der Kunstentwicklung. Sie hat sich längst vom dokumentarischen Auftrag emanzipiert. Ihre medienspezifischen Charakteristika wurden selbst zur Inspiration eigenschöpferischer Prozesse – vor allem dann, wenn andere Medien der Kunst ins Spiel kommen.“

Die Arbeiten auf Leinwand und Papier, die während oder nach Arbeitsaufenthalten in New York, Kuba, Irland oder Ägypten entstanden sind, bestechen durch ihre Farbästhetik. Spielte früher die Malerei, Zeichnung oder Grafik eine dominante Rolle - wenn man diese Ausdrucksformen im Werk von Maria Maier überhaupt trennen kann - dann ist in den vergangenen Jahren eine intensivere Hinwendung zur Fotografie zu beobachten. Hier hat sie zu hinreißenden bildnerischen Lösungen gefunden und vertauscht mit spielerischer Leichtigkeit Kamera mit Pinsel, Kohle- und Farbstift. Realer Ort und gemalter Raum mit konkreten und visionären Elementen treten in ein spannendes dialogisches Verhältnis.

Zu nennen wären in diesem Zusammenhang auch die für Maria Maier fast ungewöhnlich bunte Farbpalette der seit 2001 entstandenen Architekturdialoge, auf denen jeweils ein Fassadenausschnitt mit einer kleinen Mischtechnik korrespondiert. Beim Betrachten der Bilder von Maria Maier ist auffällig, dass die Zeichnung und hier besonders die Linie als Ausdrucksmittel neben Farbe und Fläche stark in den Vordergrund rückt. Hier treten durch Lichtreflexe oder Spiegelungen akzentuierte Ausschnitte von Architektur der Fotografie im oberen Bildteil mit einer Mischtechnik auf Papier im unteren Teil in einen höchst spannenden Dialog. Wandsegmente und besondere Fensterarchitekturen sowie Farbspiele werden ins Kleingemälde metaphorisch transformiert. So etwa in der Serie „ZR Kuba - giving color“, wo einem Pigmentdruck auf Fotopapier eine mit Pastell oder Eitempera übermalte Fläche zugespielt wird.

Eine andere Variante der „Neuen Perspektiven“ von Maria Maier ist der mit Mischtechnik übermalte Digitaldruck auf Leinwand, der schon auf Grund seines ungewöhnlichen runden Formats und seiner expressiven Farbigkeit unsere ganze Aufmerksamkeit aus sich zieht. Die Grenzen zwischen beiden Ausdruckformen verschwimmen im Auge des Betrachters. Hans-Peter Miksch hat die Künstlerin als „Spurensammlerin und Spurensucherin“ beschrieben, die etwas ins Licht rückt und es durch technische Verfahren wieder in Distanz bringt.

In den Kuba-Serien fällt ganz augenscheinlich eine expressive Farbigkeit ins Auge, die aber im Werk der Künstlerin nicht völlig neu ist. Bereits in ihren frühen noch von SPUR inspirierten Arbeiten hat sie in einem kräftigen Farbgestus gearbeitet. Ein strahlendes frisches Kolorit und ein kontrastreiches Einsetzen der Simultanfarben verleihen Bauruinen höchste Ästhetik sowie architektonischen Elemente wie einfache Gitter oder Baugerüste völlig unerwartete grafische Reize. Linoldruck oder Siebdruck auf Fotopapier – sie werden durch sparsame oder üppige Überarbeitung zu Unikaten.

Stellen wir uns abschließend die Frage: Ist Zeit überhaupt darstellbar? „Es sind die Dinge im Raum, die, zueinander in Bezug gesetzt und identifiziert, als in der Zeit seiende begriffen werden“, um noch einmal Wilhelm Dupré zu zitieren. Der menschliche Geist kann zwar die Zeit in den Veränderungen in uns selbst und unserer Umwelt wahrnehmen, in der Reflexion über das Phänomen an sich wird aber deutlich, dass die gedanklichen Theorien über die Zeit auch transzendent sind. Die Philosophie zieht deshalb die grundsätzliche Bestimmbarkeit der Frage nach der Zeit in Zweifel.

Maria Maier stellt in ihren Arbeiten, die als Allegorien auf „Zeit und Sein“ verstanden werden können, immer wieder die Frage nach Wirklichkeit und Geschichte, Sein und Nichtsein, Leben und Tod. In der Offenheit ihrer künstlerischen Aussage sollte jeder für sich seine ihm eigene Wirklichkeit sehen, denn nur die Poesie der Kunst lässt diese Phänomene sichtbar werden.

Dr. Peter Lodermeyer

Ent-ortet


Raum und Zeit, die beiden scheinbar selbstverständlichen, letztlich jedoch noch immer unverstandenen, und rätselhaften Bedingungen unserer Wahrnehmung, sind für Maria Maier wesentliche Themen ihrer Kunst. Eine der wirkungsvollsten Möglichkeiten, sich von eingespielten räumlichen und zeitlichen Wahrnehmungsmustern zu befreien, ist das Reisen. Unterwegs in fremden kulturellen Kontexten erfährt man andere räumliche Strukturen und erlebt den Umgang mit zeitlichen Verläufen neu. So ist es kein Zufall, dass Maria Maier die meisten Motive ihrer Arbeiten auf ihren zahlreichen Reisen findet, die sie u. a. in die USA, nach Mittelamerika, Nordafrika, Südostasien und durch viele Länder Europas geführt haben. Nicht anders als die meisten Reisenden heutzutage, hat Maria Maier während ihrer Erkundungsgänge und -fahrten in fremden Städten und Landschaften immer ihre Fotokamera griffbereit. Doch in völligem Gegensatz zum touristischen Blick sind es keineswegs die Naturschönheiten und kulturellen Sehenswürdigkeiten, auf die sich ihre fotografische Neugier richtet, sondern, ganz im Gegenteil, völlig marginale, unscheinbare und leicht zu übersehende Motive. Maria Maier bewahrt die Erlebnisse von Land und Leuten für ihr Auge und ihre Erinnerung und fotografiert stattdessen Motive wie zerfallende Hausfassaden, Baustellen, ausrangierte Stühle, verrostete Bleche, elektrische Leitungen, Regenrinnen, ja sogar verkommene Waschbecken und Toilettenschüsseln. Kopfschütteln und Achselzucken der sie beobachtenden Einheimischen sind für Maria Maier vertraute Reaktionen auf ihre fotografische Motivsuche.

Doch bei ein wenig genauerem genaueren Nachdenken und Hinschauen erkennt man bald, dass sich in diesen scheinbar banalen Zusammenhängen sehr viel Grundsätzliches zu erkennen gibt: Noch die verrottetsten Überreste menschlicher Zivilisation erzählen Bedeutendes über den Menschen als ein Raum und Zeit unterworfenes und zugleich Raum und Zeit strukturierendes Wesen. Um ihre Fundstücke künstlerisch fruchtbar zu machen, kombiniert Maria Maier ihre Fotografien mit unterschiedlichsten malerischen oder zeichnerischen Elementen. In der Zusammenschau mit freien, abstrakten künstlerischen Äußerungen gewinnen die fotografischen Versatzstücke mit einem Mal eine andere, formal begründete künstlerische Relevanz. In dieser Kombination offenbaren sie überraschende, über die reine Abbildung hinausgehende Strukturmerkmale, die sie anschlussfähig machen für Maiers künstlerische Reflexionen zum Thema Zeit und Raum. Ein gutes Beispiel ist etwa die Serie der „T-Raumspuren“. Das T steht kürzelhaft für „Treppen“. Trotz ihrer unzähligen Abwandlungen von Form, Material, Funktion und räumlichem Kontext sind Treppen weltweit und interkulturell als architektonische Struktur lesbar. „Diese Struktur denotiert“, um es im Jargon der Semiotik zu sagen, „das Signifikat ‚Treppe als Möglichkeit des Hinaufsteigens’ aufgrund eines Codes, den ich aufstellen und als wirksam erkennen kann, auch wenn in Wirklichkeit niemand diese Treppe zur Zeit hinaufsteigt, und auch wenn theoretisch niemand hinaufsteigen würde“. Die Treppen, die Maria Maier fotografiert, zeigen in der Tat niemals hinauf- oder hinabsteigende Personen – überhaupt sind die Fotos dieser Künstlerin prinzipiell frei von menschlichem Personal; indirekt jedoch verweisen alle ihre Motive zeichenhaft auf den Menschen, auf menschliches Tun und Leben. Treppen sind Raumstrukturen, die klar definierte Funktionen erfüllen. Diese funktionalen Bezüge werden jedoch im Werk von Maria Maier weitgehend ausgeblendet. Was bleibt, sind die formalen Strukturen.

Um die realen, in der Fotografie festgehaltenen Raumverhältnisse in künstlerische zu übersetzen, bedarf es der Kombination mit gemalten bzw. collagierten Elementen. „Collage“ im weitesten Sinne des Wortes, d. h. die Kombination von Bildmaterialien verschiedener Herkunft, ist ein Prinzip, das Maria Maier in fast allen ihren Arbeiten der letzten Jahre zur Anwendung bringt. Durch das Neben- und Übereinander von Fotografie und Malerei bzw. Zeichnung kommt es zu einer zuweilen verwirrenden Verklammerung unterschiedlicher zeitlicher und räumlicher Ordnungen. Der fotografische Raum ist ganz anders codiert als der gemalte: Sobald ein Foto als solches identifiziert ist, sieht man den illusionistischen fotografischen Tiefenraum. Die Räumlichkeit abstrakter Malerei jedoch ist stets auf die Bildfläche bezogen, räumliche Schichtungen ergeben sich nur aus der Wirkung der Farbe und den übereinandergelegten Farbschichtungen. Auch der Zeitaspekt von Fotografie und Malerei unterscheidet sich erheblich. Auch wenn die Fotografie oft langwierige Vorbereitungen benötigt, geschieht der Akt der Bildwerdung selbst doch in aller Regel in einem winzigen Sekundenbruchteil. Selbst die kleinste malerische Intervention benötigt sehr viel mehr Zeit. Dies alles bedeutet, dass die Kombination von Fotografie und Malerei bzw. die Übermalung fotografischer Vorlagen im Werk von Maria Maier nicht nur eine formale Verklammerung, sondern zugleich ein komplexes Ineinander ganz unterschiedlicher Zeit- und Raumebenen mit sich bringt. In der Betrachtung des fertigen Werks sind diese Ebenen oft nicht mehr zweifelsfrei auseinanderzuhalten. Die Grenzen von Malerei und Fotografie verschwimmen partiell. Die subtile Verschränkung von räumlichen und flächigen Strukturen fordert vom Betrachter gesteigerte Aufmerksamkeit und aktiviert seine Vorstellungskraft erheblich.

Typisch für die Arbeitsweise von Maria Maier ist die Tatsache, dass sie für jedes Bildmotiv gewöhnlich zwei Originale erstellt: ein kleineres und ein größeres Format. Diese Vorgehensweise ergab sich folgerichtig aus der Arbeit während ihrer Reisen und Arbeitsaufenthalte fernab des Ateliers. Aus praktischen Gründen liegt es nahe, die Bildkompositionen zunächst in kleinem, transportablem Format zu erstellen. Zuhause in ihrem Atelier fotografiert Maria Maier dann die Motive ab und erstellt größere Bildvarianten. Aufgrund des veränderten Formats, der Übersetzung auch der gemalten Partien in Fotografie und gegebenenfalls weiterer Übermalungen wird das Ursprungsbild transformiert. Dies bedeutet, dass der Formatwechsel zugleich immer auch eine Variation und neue Sichtweise darstellt.

„Ent-ortet“ nennt Maria Maier ihre neuen Arbeiten. Dieser Neologismus bezeichnet sehr genau den Transformationsvorgang, der allen ihren Werken eingeschrieben ist: die Versetzung aus einem spezifischen räumlichen Kontext in den neuen Zusammenhang des Bildes. Ein sehr gutes Beispiel dafür liefert die neue Serie „giving pictures“. In diesen Arbeiten kombiniert Maria Maier erstmals Fotos mit anderen Fotos und beschränkt die Malerei auf subtile Eingriffe und Akzentuierungen von Details, insbesondere zu dem Zweck, den Übergang zwischen den Fotografien formal zu erleichtern. Die Motive sind stets so ausgewählt, dass sich formale, farbliche und/oder inhaltliche Ergänzungen ergeben. Manchmal wirkt eine Bildhälfte wie an das Motiv des anderen Bildteils herangezoomt. In Wahrheit aber stammen die Fotografien aus völlig verschiedenen Zusammenhängen. Es ist durchaus möglich, dass ein Bildteil in Wien, der andere in Syrien aufgenommen wurde, eine Hälfte in Kuba, die benachbarte in Irland. „Ent-orten“ ist also nichts anderes als ein Abstraktionsprozess, durch den die Motive, die Maria Maier in bestimmten Situationen entdeckt hat, aus ihrem Realzusammenhang gelöst werden und im formal stimmigen Kontext einer Bildkomposition aufgehen. „Ent-orten“ heißt also zugleich ver-orten im Bild. Dass die Silos, die das Motiv der Serie „ZR V – new perspective (Silo Kaleidoscopik)“ bilden, in Virginia, USA, stehen, wo Maria Maier 2005 einen längeren Arbeitsaufenthalt absolvierte, ist letztlich bedeutungslos. Wichtig ist die formale Stimmigkeit der Bilder, wobei die Rundform der Arbeiten nicht nur die geometrische Grundrissform der Siloarchitektur aufnimmt, sondern zugleich den kaleidoskopisch gebrochenen, in Perspektivfragmente aufgelösten und mit behutsamer malerischer Akzentuierung versehenen Motiven eine strenge und formal überzeugenden Zusammenhang verleiht.

Indem Maria Maier die Fundstücke aus der realen Welt in den neuen Zusammenhang ihrer auf dem Prinzip Collage basierenden Kunstform neu verortet, intensiviert sie den Blick des Betrachters für formale Zusammenhänge. Interessanterweise wirkt dies wiederum zurück auf die Wahrnehmung der realen Welt. Wer sich lange und ausführlich mit den Arbeiten von Maria Maier beschäftigt, wird zweifellos aufmerksamer auf die überraschenden ästhetischen Qualitäten noch der unscheinbarsten Details unserer Alltagswelt.

Christoph Tannert

Als Reflexion und Meditation will Maria Maier ihre seriellen Arbeiten der letzten Jahre verstanden wissen, eine gleich in mehrfacher Hinsicht zutreffende Einschätzung, denn unabhängig von der Inspiration durch Reisen und neue Eindrücke in der Ferne sind ihre Werke freie, kontextunabhängige Erforschungen von Struktur, Farbe und Raum. Wie bei jeder Art von Versenkung geht es außerdem um das Stillstellen der Gedanken zugunsten des reinen Schauens.

Denis Brudna

Als Resultat mehrer Studienaufenthalte auf Kuba liegt ein neuer Bildband von Maria Maier vor, in dem die in Regensburg lebende Künstlerin in der ihr eigenen, multipotenten Art die bildnerische Ausbeute präsentiert. Kuba ist ein schwieriges Terrain. Reflexionen des kubanischen Alltags werden in der Regel durch sozialkritische Reportagen oder hoffnungslos kitschige Karibikromantik manifestiert. Zu groß ist offenbar die Verlockung, sich der sozialistisch-karibischen Exotik zu ergeben und brav das Klischee in recht austauschbaren Bildern zu spiegeln.

Maria Maier positioniert ihre Beobachtungen auf angenehm andere Weise. Ihre Kuba-Bilder nehmen zwar die Farbigkeit, die Morbidität und eine gewisse Trostlosigkeit auf, narrative Elemente oder soziale Kritik sucht man hier jedoch vergebens. Maiers Impressionen sind wie gewohnt Collagen aus Fotografie, Siebdruck und Malerei – eine Technik, die sie souverän anwendet. Durch Übermalungen oder malerische Ergänzungen entstehen Bilder, die abstrakt wirken dennoch klar definierbare Elemente der Wirklichkeit vorweisen. Maier verzichtet in ihren Bildern auf posierende Kubaner und konzentriert sich dafür intensiver auf die formalen Strukturen und die auffällige Farbigkeit in den Straßen. Ihre Bilder funktionieren solo, erhalten durch Gruppierungen jedoch eine weitere Kraft, weil dadurch die Systematik und gestalterische Sicherheit der Künstlerin verdeutlicht wird. Angeregt durch ihre Beobachtungen und korrespondierend mit ihren Collagen entstand auf Kuba noch ein Konvolut von malerischen Blättern, die sich gänzlich abstrakt mit flächigen Kompositionen beschäftigen. Eine anregende Auseinandersetzung mit Farben und Formen.

Hans-Peter Miksch

Maria Maier ist Malerin, Zeichnerin, Graphikerin, keine Fotografin. Es ist verblüffend, dass in den Arbeiten häufig erkennbar Malerei, Zeichnung, Druckgraphik, Fotografie, Collage, Reproduktion und Original, Fundstück und entschiedene Zeichensetzung, elementarste künstlerische Gestaltungsmittel und der Einsatz modernster technischer Medien nebeneinander existieren.

Es hat den Anschein, als möchte die Künstlerin vorführen, welches Ausgangsmaterial sie wahrnehmend gestaltet. Das Neben- und Übereinander sind nachvollziehbare Zeitereignisse. Das eine schließt das andere nicht aus, Dualitäten (Polaritäten, Analogien) sind zeitgleich, so wie Malerei eine Sukzession in der Gleichzeitigkeit vorführt. Die (Über-) Zeichnung als lineares Geschehen in der Zeit dominiert und verbindet. Die Fotografie ist eigenständiges Material, das inhaltlich und graphisch stets seriell verarbeitet wird, wie das auch geschieht mit Zeichnungen oder Malereien.

Ihr weltumspannender Blick, ihr zeitenüberschreitender Zugriff auf das Ausgangsmaterial verflechten die künstlerischen Techniken wie die Partikel der Wirklichkeit mit ihrer Innenwelt. Reagieren und sich preisgeben, Form gestalten, Kompositionen schaffen und sich öffnen - diese Prozesse bleiben ablesbar in Maria Maiers Bildern und schärfen unseren Blick für Kreisläufe und überraschende Vernetzungen. Die Collage ist dafür das geschmeidigste Prinzip, hier wird es quasi als Re-Produktionstechnik, als Re-Cycling zu einem neuen Höhepunkt gebracht.

Dr. Herbert Schneidler

„Die Welt ist Ihr Atelier“ - 
Bei Arbeitsaufenthalten und Reisen in fremden Ländern spürt Maria Maier mit der Kamera eine fotografisch präzis definierte, und dennoch seltsam gegenstandslose Zwischenwelt auf, die Reales und Scheinbares, die Wirklichkeit und Künstlichkeit auf irritierende Weise verbindet. Zuhause be- und überarbeitet sie die Fotografien mit unterschiedlichen Techniken, stets seriell und gibt dem Ganzen eine neue, in tiefere Dimensionen vordringende Aussage. Wir haben es dabei nicht mit reiner Fotografie, sondern mit malerischen Bildern zu tun. Die Künstlerin thematisiert in ihren Werkzyklen u.a. das Vergängliche, den Faktor Zeit als gesellschaftliches Phänomen, in der ihr eigenen Sichtweise. Ihre Arbeiten können als seriell angelegte Spurensuche gelesen werden. Maria Maier ist der Zeit auf der Spur, nicht dem Zeitgeist.

Harald Raab

Die Regensburger Künstlerin Maria Maier ist Grenzgängerin zwischen unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksmitteln. Sie kombiniert Malerei, Zeichnung, Collage  und Photographie zu einem Bildganzen. Es geht um Ruhe und Bewegung, Zeit und Raum. Assoziative Prozesse verdichten sich zu einem ästhetischen Ganzen. Die Künstlerin hat sich der photographischen Spurensuche verschrieben. Das in fremden Landschaften und Städten gesammelte photographische Material wird daheim im Atelier ein vielschichtiges Album der Erinnerungen und des optischen Weiterdenkens in serieller Weise. 

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